Wo Descartes sich irrte!

Herzlichen Glückwunsch zu Ihren Fortschritten in Achtsamkeit. Ich merke das an den klugen Fragen, die Sie mir schicken.

Ein Manager, 43 Jahre, zwei Kinder, fragt zum Beispiel: „Ich achte in heiklen Situationen inzwischen so gut auf meine Gedanken und Gefühle, dass ich sehr viel souveräner auftrete und handle. Einziges Problem:

„Ich komme oft nicht mehr heraus aus dem Gedanken- oder Gefühlskarussell!“

Danke! Tolles Feedback. So etwas können nur jene rückmelden, die schon sehr gut trainiert haben. Jetzt fehlt nur noch ein kleiner Schritt. Gedanken und Gefühlen begegnen Sie offensichtlich schon sehr achtsam. Jetzt nehmen Sie bitte das hinzu, was bislang fehlt: Ihre Körperwahrnehmung. Und zwar ganz dezidiert.

Fragen Sie sich: Dieser Gedanke, dieses Gefühl – wo spüre ich ihn oder es im Körper? Ich weiß, das ist nicht immer ganz einfach – wie jeder entscheidende Schritt. Denn oft sind wir nur deshalb so im Stress, weil wir (ganz unbewusst) den ganzen Tag so „verkopfert“ sind, nur noch im Kopf unterwegs.

DisembodiedThinking

Der Fachausdruck dafür lautet: Disembodied Thinking. Wir sind von Elternhaus, Schule, Beruf und vor allem von Descartes (Cogito, ergo sum) zu reinen Kopfdenkern indoktriniert worden. Dabei sagt die Wissenschaft vom Embodiment:

Kopf ohne Körper ist keine echte Intelligenz

– und genau deshalb erleben wir doch trotz oder gar wegen der Achtsamkeit das Gedanken- oder Gefühlskarussell. Da hilft kein Denken, da hilft nur der Körper: Nehmen Sie ihn wahr. Und zwar genau dort, wo sich Ihr Gedanke oder Gefühl im Körper niederschlägt.

Bei Frust im Job oder in der Beziehung zum Beispiel ist das bei vielen im verkrampften Kiefer oder in den Händen, im Kreuz oder Nacken, im Magen oder auf der Brust. Das ist bei jedem und jeder anders:

Wo sitzt der Frust bei Ihnen?

Entdecken Sie es und gehen Sie mit Ihrer Achtsamkeit in diese Körperstelle hinein. Wie fühlt es sich dort an? Je länger Sie bei diesem Körpergefühl verweilen, es beobachten, es da sein lassen, auch Ihre gedankliche oder emotionale Abwehr gegen diese Körperempfindung da sein lassen und immer schön dabei atmen, desto eher löst es sich. Dann erleben Sie Ihr Aha: Im selben Augenblick, in dem sich diese Körperstelle entspannt, gibt der Gedanke oder das Gefühl Ruhe. Das wünsche ich Ihnen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn!Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Facebook
Facebook
Share on Google+
Google+
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email
Print this page
Print

Kommentare sind derzeit geschlossen.