Gibt es auch nur einen Menschen, der heute gern an Sie denkt?

Vor vielen Jahren hatte ich das Glück, beim Mittagessen einer Konferenz neben dem Jesuiten und Unternehmensberater Prof. Rupert Lay zu sitzen. Zu dieser Zeit war der Begriff Sozialkompetenz der totale Hype im Management und alle Personaler wurden zu Missionaren der Sozialkompetenz. „Sozialkompetenter Umgang mit Mitarbeitern“, „Sozialkompetenz: Die Schlüsselqualifikation im Management“ lauteten die Veranstaltungstitel. Es gab Workshops, Seminare und Konferenzen zu diesem Thema, aber keiner konnte Sozialkompetenz verständlich definieren.

Alles, was ich bis dahin gelesen hatte, war entweder völlig abgehoben, nicht wirklich greifbar oder schlichtweg wischi waschi. An diesem Tag beim Mittagessen dachte ich mir: „Jetzt bist du als junger Manager mal mutig und fragst ganz frech den Management- Guru: Sagen Sie mal, wie würden Sie denn Sozialkompetenz definieren?“

Seine Antwort war überraschend und genial zu gleich:

„Herr Wölkner, wenn Sie heute Abend ins Bett gehen, dann setzen Sie sich auf die Bettkante, lassen den Tag Revue passieren und fragen sich: Habe ich heute Menschliches mehr gefördert oder gemindert? Und danach wünsche ich Ihnen eine gute Nachtruhe.“

Probieren Sie es aus. Sie werden erschüttert sein, wie oft wir verbrannte Erde hinterlassen.  Mal wieder Mitarbeitern, Kollegen oder Partnern nicht richtig zugehört, weil keine Zeit oder genervt oder Mega-Druck, weil gerade meilenweit hinter den Zielen… Entschuldigungen/Ausreden haben wir genug.

Ganz hart wird es für die, die Kinder haben. Wer hier ganz ehrlich zu sich selbst ist und sich wirklich schonungslos fragt: Habe ich mehr gefördert oder gemindert? (Sie müssen es ja niemanden erzählen), der hat keine gute Nachtruhe.

Ich jedenfalls fand die Strategie des Paters damals alles andere als prickelnd und habe sie nur eine Woche lang durchgehalten. Aber die Erkenntnisse, die ich daraus gewonnen habe, waren es wert. Schön und gut und was machen wir jetzt damit?, fragte ich mich nach dieser Experimentalwoche. Wenn ich mir das jeden Abend antue, dann bin ich ja zu mir selbst auch nicht gerade sehr fördernd! Deswegen habe ich daraus dann ein Ziel definiert:

Wachstum

Sei ein Mensch,in dessen Umfeld Menschen wachsen können.

Das wurde dann sofort während eines Seminars an einer ziemlich mies gelaunten Bedienung beim Mittagessen ausprobiert. Anstatt mich aufzuregen oder sie gar zusammen zu stauchen, habe ich mich gefragt: Was könnte ich tun, damit dieser Mensch wachsen kann, was braucht sie? Jeder, der sich diese Frage stellt, weiß sofort die Antwort: Anerkennung, Verständnis und Zuneigung sind ganz sicher kein schlechter Anfang.

Also sprach ich sie an: „Heute wollen wieder alle was von Ihnen und alle auf einmal, nicht wahr?“ Wie aus der Pistole geschossen antwortete sie: „Oh ja! Das kann ich Ihnen sagen und außerdem sind heute alle mit dem falschen Fuß aufgestanden.“ Ich erwiderte: „Und Sie dürfen diese Meute heute nicht nur sättigen, sondern den Leuten auch noch den Tag erhellen.“ Und zum ersten Mal huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie war wie ausgewechselt; wesentlich lockerer, super freundlich und ich hatte mein Getränk und mein Essen als Erster.

Wenig Aufwand viel Ergebnis.
Was für ein ROI, pardon ROM – Return on Menschlichkeit.

Wenn Sie sich bei jedem (zweiten, dritten …?) Menschen, dem Sie begegnen, fragen: Wie kann ich ein Umfeld schaffen, in dem er wachsen kann?, dann sind Sie nicht nur ein Altruist, sondern machen sich selber auch damit glücklich. Was für eine Genugtuung, zu beobachten wie andere Menschen mit minimalem Zutun Ihrerseits aufblühen, wachsen, wie ihre Augen plötzlich wieder leuchten. Es gibt keinen schöneren Lohn.

Einen in diesem Sinne lohnenden Tag wünsche ich Ihnen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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