Selbstdarstellung unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit

Ein Hype geht um in den Social Media: die ALS Ice Bucket Challenge. Die Regeln: Wer nominiert wird, muss sich innerhalb von 24 Stunden einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten und sich dabei filmen lassen. Dann kommt er mit einer Spende von 10 $ davon. Andernfalls kann man sich mit einer Spende von 100 $ für die Erforschung der Nervenkrankheit ALS freikaufen. Nach bestandener Challenge sind dann drei neue Nominierte an der Reihe. So verbreitet sich der Trend seit Wochen im Netz und über die Medien.???????????????????????

Fast alle Promis und solche, die es werden/sein wollen, machen mit und stellen sich zur Schau. Eine riesen Promotion für die seltene und fürchterliche Krankheit ALS. Noch nie gingen so viele Spenden ein.

Als ich auf Facebook dann auch Bekannte sah, die sich den Eimer Wasser über den Kopf schütteten, wurde ich nachdenklich: Was, wenn ich nominiert werde? Mache ich mit? Erster Impuls: Na klar, ist ja für eine gute Sache. Dann schaltete sich mein Verstand wieder ein: für eine gute Sache? Ist das nicht eher mein Ego, das sich da meldet? Der Wunsch / die Gier, dabei zu sein, gesehen zu werden. Ich bekomme dann ganz viele „likes“ und coole Kommentare und alle sehen, was für ein wohltätiger Mensch ich bin. Das ist Narzissmus pur, Selbstdarstellung unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit.

Wohltätig zu sein, indem ich mir einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütte und Geld spende, das ist keine Challenge.

Ich begann zu überlegen – was in der Hysterie solcher Hypes eher selten passiert: Was wäre denn für mich eine wirkliche Challenge, eine wahre Herausforderung?

Zum Beispiel einen Tag mit einem schwerkranken Menschen zu verbringen und ehrlich Anteil zu nehmen. Wirklich da sein bei diesem Menschen. Ihm zuhören und mitfühlen, ohne falsches Mitleid abzusondern. Dort präsent zu sein und wahrzunehmen, wo man normalerweise am liebsten wegschauen und weglaufen möchte. Mich mit dem Thema Krankheit und Endlichkeit auseinander setzen. Einfach für einen Menschen da zu sein.

Meine Spende letztes Jahr war ein kostenloser MBSR-Kurs für die ehrenamtlichen Mitarbeiter einer caritativen Organisation, die nach eigenem Bekunden sehr davon profitiert haben. Natürlich brachte der Kurs ihnen etwas – aber habe ich damit im Endeffekt nicht auch mein Ego Ice-Bucket-mäßig gestreichelt? Ich habe etwas getan und konnte stolz berichten, wie gut ich bin.

Angesichts dieser Bedenken gegen die egozentrische Zurschaustellung von „Wohltätigkeit“ nominiere mich hiermit selbst, noch in diesem Jahr einen Tag mit einem schwerkranken Menschen zusammen zu sein, ganz für ihn da zu sein. Ich werde darüber berichten – und drei weitere nominieren, es mir gleich zu tun.

Daraus könnte dann ein echter Hype entstehen: ein Hype der achtsamen, echten Anteilnahme und Menschlichkeit.

Feedback und Anträge für Nominierungen bitte hier.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

Benachrichtigungen erhalten

Garantiert kein Spam.

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn!Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Facebook
Facebook
Share on Google+
Google+
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email
Print this page
Print

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.