Schlechte Zeiten sind gut!

Der Abstiegskampf in der Bundesliga ist hoch interessant. Wie gehen die Mannschaften, wie gehen die Trainer damit um? Das sind echte Lehrstücke dafür, wenn es im Leben mal wieder um alles geht. Wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen.

  • Wenn ich diesen Auftrag nicht bekomme, dann ist es vorbei.
  • Wenn diese Präsentation nicht reinhaut, dann war´s das mit meiner Karriere.
  • Wenn ich dieses Date vermassle, dann wird das nie was mit mir und einem Partner/ einer Partnerin.

In der Management-Literatur findet man zu diesem Thema ganz viel Tschakka-Mentalität:

  • Du schaffst das, streng dich an!
  • Kämpfen kämpfen! Nur die Harten kommen durch!
  • Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren!
  • Wollt ihr ewig leben, Hunde!

Na, wirkt es? Schon motiviert? Ich kenne keinen, dem so etwas je nachhaltig und wesentlich geholfen hätte. Mich macht das aggressiv gegen den Tschakka-Motivator, der mir dann auch noch sagt: „Ja genau, super! Nutze diese Aggression, das ist deine Energiequelle.“ Hä? Bei einer Präsentation oder bei einem Date? Wie bescheuert ist das denn?

Dann kommen die Freunde und sagen, du musst cool bleiben. Vertraue in dich, es wird schon, alles wird gut. Gut gebrüllt Löwe. Und das in einer Situation, wo alles gegen mich ist, mein Gegenüber ist übermächtig, und ich bin so was von überzeugt, dass ich keine Chance habe. In so einer Situation hilft „Alles wird gut!“ höchstens kurzfristig und danach kreisen auch schon wieder die Gedanken der Ohnmacht in meinem Kopf und rauben mir alle Energie schon lange vor dem eigentlichen Auftritt.

David gegen Goliath

Aber was entscheidet wirklich in solchen Situationen? Jetzt kommen die nächsten Propheten und predigen: „Du brauchst nur die richtige Einstellung!“ Bei der Frage, was ist denn die richtige Einstellung und wie eigne ich sie mir an, wird es dann spannend.

Wenn Sie in einer lebensgefährlichen Situation, bei einem Autounfall oder auch nur kurz vor einem Sturz von der letzten Treppenstufe sind, schaltet alles auf Autopilot. Das Gehirn schaltet aus oder besser gesagt um: Es schaltet um auf Reflex. Ohne lange nachzudenken wird gehandelt und das ist auch gut so. Ein hervorragender Mechanismus, denn wenn wir jetzt erst lange analysieren würden, wären wir tot oder zumindest schwer verletzt.

Für eine solche Situation braucht es keine richtige Einstellung, sie ist automatisch in Bruchteilen von Sekunden vorhanden.

Über eine solche Situation reden wir aber nicht. Das Problem bei unserem bevorstehenden Abschlussgespräch, der wichtigen Präsentation oder dem alles entscheidenden Date ist, dass wir glauben, es gehe um Leben und Tod, wir stünden auf der letzten Treppenstufe kurz vor dem fatalen Sturz. Genauer: Unser Körper, unser limbisches System glaubt das und quillt über vor Adrenalin, schaltet in den Automodus und das Gehirn schaltet aus. Keine Chance. Wie gesagt ein toller Mechanismus, nur völlig untauglich bei einem Date oder einer Präsentation.

Die erste Hilfe kommt von der Erkenntnis: Nein, liebes limbisches System, es geht nicht um Leben oder Tod. Wir brauchen jetzt unser Gehirn, wir brauchen einen klaren Kopf. Es lohnt sich außerordentlich, dass wir uns genau das bis in die letzte Konsequenz selber klar machen.

Wenn die Reflexe sich in der falschen Situation einschalten wollen, schalten wir unseren Verstand wieder ein und sagen uns: Es gibt ein Leben nach dem verpatzten Abschluss, der vergeigten Präsentation oder der kompletten Blamage beim Date. Es geht weiter und das Leben ist auch danach noch lebenswert. Malen Sie sich das in allen Farben aus. Sie können hier nicht übertreiben. So finden Sie den Boden unter den Füßen, den Ihnen dieser verdammte Reflex-Mechanismus ständig weg ziehen will. Hier holen Sie sich Ihre Stärke für die Herausforderung David gegen Goliath. Das ist das Fundament; je größer, desto besser.

Hier sagte mal ein Coachee: „ … und wenn ich dann sage: Schei.. auf die Präsentation, die können mich alle mal.?“ Meine Antwort: „Perfekt, jetzt sind Sie bereit, jetzt kann der Spaß beginnen.“

Genau jetzt wirkt das Zitat von Huub Stevens, VfB-Trainer im Abstiegskampf:

„Es muss Spaß machen, dass du eine Herausforderung vor dir hast!“

Was muss das für ein Gefühl für einen Spieler sein, wenn er sieht, dass tausende von Fans alle im Vereinstrikot geschlossen durch die Fußgängerzone zum Stadion gehen. Was für eine Intensität, Gänsehaut pur. Es geht nicht um Leben und Tod es geht um die Herausforderung überhaupt. Das ist die beste Droge, das Leben mal wieder richtig zu spüren, voll da zu sein im Hier und Jetzt. Das ist Achtsamkeit, totale Präsenz. Was für ein Spaß!

Wie der Popsong so wunderbar dichtet:

Even the bad times are good.

Denn Gut wie Schlecht können sehr intensiv empfunden werden und die Intensität bringt den Spaß an der Sache wie jedes Kind schon mal erlebt hat, das sich fünf Minuten lang so richtig hemmungslos ausgeheult hat:

Nur wer erlebt, befreit (sich).

Oder wie die neueren US-Psychologen sagen:

You can’t heal it if you can’t feel it.

Das ist Achtsamkeit, das ist Leben pur. Vermeiden Sie nicht das Leben, haben Sie Spaß an Ihrer nächsten Herausforderung, dem nächsten Abschluss, der nächsten Präsentation oder dem nächsten Date. Spüren Sie die Spannung, das Herzrasen, den Puls, die Atmung, die ganze Intensität. Lieben Sie es, es ist das Leben. Und wenn es in die Hose geht? Na und, das ist nicht das Ende. Wer weiß, wofür es gut ist.

… weiter Spaß haben. Das wünsche ich Ihnen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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