Rote Karte für den Chef

Führungskraft zum Mitarbeiter: „Jetzt lassen Sie mal den Chef beiseite und sagen Sie mir ehrlich, was Sie denken!“

Rote Karte

Grobes Foul, Rote Karte!

Ich bin zwar Coach und kein Schiedsrichter, da ich beim „Spiel“ nicht dabei bin. Doch selbst bei der Nachbesprechung (im Coaching) sind sich die meisten Chefs ihres groben Vergehens nicht bewusst. Sie stellen nach der ominösen Aufforderung zur Vertraulichkeit nur „gewisse Verwirrungen“ in der Beziehung zwischen ihnen und dem Mitarbeiter fest. Dabei ließen sich diese mit einem relativ einfachen, beiderseitigen Tipp vermeiden:

Wenn Sie Vorgesetzter sind: Lassen Sie das! Denn fortan weiß der Mitarbeiter nie so recht, in welcher Rolle Sie zu ihm reden – daher die beiderseits konstatierte „gewisse Verwirrung“.

Wenn Sie Mitarbeiter sind: Steigen Sie niemals darauf ein. Das ist immer ein Fehler, auch wenn es nicht böse gemeint ist. Denn der Chef ist nach dem vertraulichen Gespräch wieder Chef und wird die vertraulich erworbenen Informationen sicher verwenden. Dann kann es sein, dass Ihre KollegInnen Sie als „Verräter“ stigmatisieren. Außerdem kann es sein, dass Sie dem „Chef-Kollegen“ tatsächlich ehrlich die Meinung sagen, wobei er vielleicht nicht gut wegkommt und daraufhin spontan wieder in die Chefrolle zurückspringt: „Was fällt Ihnen ein? Impertinenz!“

Wenn diese unangebrachte Vertraulichkeit so ein Fehler ist, warum machen das dann so viele Chefs?

Vielleicht weil sie auch mal „nur“ als Kollege behandelt werden möchten?

Vielleicht weil sie an ganz andere Informationen kommen möchten?

Beides ist verständlich: Oben ist es einsam. Mit wem kann man als Führungskraft denn noch so richtig offen reden? Aber bitte nicht mit Menschen, über die man formale Disziplinargewalt ausübt! Dafür wurden doch Coaches „erfunden“! Ohne Scherz, sicher einer der Hauptgründe für ein Coaching: Mal ganz offen sich alles von der Seele reden zu können.

Und beim „Anzapfen“ eines Mitarbeiters nebenbei auch noch an bislang unerreichbare Informationen heranzukommen wäre ja auch ganz praktisch, oder? Praktisch ja – hat aber den faden Gout der Spitzelei und zerstört deshalb langfristig das Vertrauen in den Vorgesetzten, das ist die rote Karte.

Wenn das so klar ist: Warum geht der Mitarbeiter darauf ein?

Vielleicht weil er auch mal den Menschen hinter der Cheffassade sehen möchte?

Vielleicht weil er sich davon Vorteile verspricht?

Erstes ist ja rühmlich, aber kann man sich wirklich von zweitem zweifelsfrei lossagen?

Ich halte Hierarchien nicht immer für die glücklichste organisatorische Lösung. Doch wenn ich mich in einer solchen bewege, gilt im Gespräch zwischen Chef und Mitarbeiter eben die sogenannte kontextrelevante Kommunikation: One up, one down. Seien Sie achtsam, ob Ihr Gegenüber einen „kurzfristigen“ Rollenwechsel wirklich bewerkstelligen kann – oder ob jene „gewissen Verwirrungen“ entstehen, die mir so viele Manager im Coaching beichten.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

PS: Was sind Ihre Erfahrungen? Schreiben Sie mir: Email

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