Mach das einzig Richtige!

Ein Zen-Lehrer hatte seine eigene Art und Weise, seine Schülerinnen und Schüler in Flexibilität und Humor zu trainieren. Er ließ sie bestimmte Gesänge auswendig lernen und ein paar Monate, nachdem die meisten von ihnen den Text endlich konnten, änderte er ihn. Er lehrte sie auch spezifische Rituale, deren Einzelheiten sie äußerst präzise einzuhalten hatten.

Als sie dann gerade anfingen, diejenigen zu kritisieren, die es falsch machten, lehrte er dieselben Rituale plötzlich ganz anders. Nach Jahren eines derartigen Trainings setzte der Lernprozess fürs Leben ein. Wenn die Anweisung am einen Tag lautete, alles nach rechts zu verfrachten, taten sie es so tadellos wie möglich. Und wenn es am andern Tag hieß, alles muss nach links, dann machten sie es mit ganzem Herzen. Die Vorstellung, es gebe den einen richtigen Weg, löste sich irgendwie in Dunst auf. Diese Lehrgeschichte ist so einfach, dass die wenigsten sie verstehen.

welcher Weg

Denn jeden Tag fragen wir uns dutzendfach: Was ist der richtige Weg?

  • Soll ich die Beförderung annehmen oder meinen liebgewonnenen Job behalten?
  • Soll ich dem Chef Feedback geben oder ihn vor die Wand laufen lassen?
  • Soll ich bis ins hohe Alter arbeiten oder lieber sofort ein Wohnmobil kaufen und durch die Welt reisen? (Meine ganz persönliche Frage nach dem richtigen Weg).

Das ist die Frage: Was bitte ist der richtige Weg?

Und jetzt kommt einer daher und sagt uns: Den richtigen Weg gibt es eh nicht! „Ja dann kann ich mich doch gleich mit einem Tetra-Pack Rotwein unter die Brücke setzen“, meinte ein Coaching-Klient, Ingenieur und Abteilungsleiter, daraufhin mal genervt. Wobei: Resignation auf die Erkenntnis, dass es „den richtigen Weg“ nicht gibt, ist sicher nicht der richtige Weg.

Wenn es um diesen einzig wahren wirklich richtigen Weg nicht geht im Leben und das bei unserem Erfolgsstreben – worum zum Kuckuck geht es dann? Kommen Sie, das wissen Sie längst. Außerdem haben Sie es gerade eben gelesen. Natürlich. Es geht um Flexibilität und Humor im Gegensatz zu Starrheit und tierischem Ernst.

Natürlich ist es vernünftig, sich Gedanken zu machen, was der richtige Weg sein könnte, anstatt einfach loszulaufen. Wenn wir dabei aber, meist unbewusst, den Anspruch hegen, dass es nur einen richtigen Weg gibt und wir nur lange genug herumforschen müssen, bis wir den Heiligen Gral, die Blaue Blume, den Stein der Weisen, die einzig richtige Lösung für all unsere Probleme, unser Leben und das Universum als solches finden, kann es passieren, dass die konkrete Situation oder das ganze Leben vorbei ist, bis wir die perfekte Lösung gefunden haben. Oder ein anderer war schneller bei der Lösung. Wer war das?

Auch klar: Der, der mit mehr Flexibilität und Humor an die Sache und ans Leben rangeht. Viele Wege führen nach Rom. Ist es dieser nicht, dann ist es jener. Schmeißen sie mich vorne raus, komme ich hinten wieder rein. Ist es nicht das eine, dann ist es das andere. Oder auch: Ist es nicht der/die eine, dann ist es eben der/die andere. Aus diesem Grund gibt es auch keine „einzig wahre Liebe“. Wahr schon, aber einzig nicht. Am schlimmsten ist oft, wenn Sie die „einzig richtige Lösung“ tatsächlich mal finden.

Sehr viele Menschen, denen dies Dank eines unglücklichen Zufalls tatsächlich gelungen schien, wurden zu Missionaren und Fanatikern.

Auch deshalb habe ich vor Jahren die Vorstellung aufgegeben, es gebe den einen richtigen Weg. Heute gehe ich meinen Weg achtsam, frei und unbekümmert; wohlwissend, dass es morgen schon ein ganz anderer Weg sein kann, den ich dann ebenso achtsam, frei und unbekümmert gehen werde. Was für ein befreiendes Gefühl das ist, nicht krampfhaft am „einzig richtigen Weg“ festhalten oder mein Leben damit vergeuden zu müssen, ihn erst mal zu finden!

Für mich war dies eine wichtige Erkenntnis. Die Verbissenheit wurde ersetzt durch Leichtigkeit. Auf diesem Wege habe ich dann endlich auch den wahren Sinn hinter dem Spruch „Der Weg ist das Ziel“, den ich so oft schon nachgeplappert habe, wirklich verstanden. Und das Leben wurde mir leicht.

Gewiss, das ist es nicht immer, weil ich diese innere Flexibilität des Weges nicht immer wachrufen kann. Aber es gelingt mir immer öfter, wenn ich achtsam bin und aufmerksam bemerke, dass ich gleich wieder krampfhaft am „eingeschlagenen Weg“, an der „einzig richtigen Lösung“ festhalten möchte – und wegen dieses achtsamen Aufmerkens nicht auf die Versuchung zur Verkrampfung hereinfalle. Das wünsche ich Ihnen auch.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

 

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