Ich lass mich nicht mehr hetzen!

Wir sind ständig am Optimieren. Permanent versuchen wir, noch besser zu werden, noch effizienter zu handeln, noch schneller zu werden, erfolgreicher, fitter, schlanker, attraktiver, bessere Eltern, bessere ManagerInnen. Und doch haben wir das Gefühl, wir laufen nur hinterher statt vorneweg.

Dann kommen die schlauen Ratgeber, die uns suggerieren: Du hast ein Zeitproblem? Das ist deine Verantwortung, du musst das ändern, du setzt die falschen Prioritäten. Besuch mal ein Zeitmanagement-Seminar!

Was ein Quatsch. (Glauben Sie mir – Zeitmanagement-Seminare waren schon immer die beliebtesten Seminare mit der geringsten Wirkung.)

Rastlosigkeit ist der Segen unserer Kultur. Wir haben ein permanentes Sendungs- und Empfangsbedürfnis. Wir können nicht mehr stillsitzen. Kaum haben wir eine Minute unsere Ruhe, werden sofort E-Mails gecheckt. Übrigens: Wie oft am Tag checken Sie Ihre Mails? Ich kenne viele, die hatten das früher echt gut in den Griff bekommen; die haben konsequent dreimal am Tag E-Mails gelesen – mehr nicht. Dann kam das Smartphone. Heute sieht das so aus:

• Nur mal kurz schauen, ob schon die E-Mail-Antwort gekommen ist.
• Gibt‘s was Neues auf Facebook?
• Wie wird das Wetter?
• Hey, die App mit dem Regenradar wollte ich mir doch auch mal runterladen!
• Mal schauen, was mein Schrittzähler sagt.
• …

Die Technologie macht’s möglich. Wir können heutzutage so vieles. Einfach still sitzen – können wir nicht. Wir halten die Ruhe nicht aus. Wir haben das verlernt. Das ist amtlich. Wissenschaftlich fundiert.

Professor Timothy Wilson von der University of Virginia bat Versuchsteilnehmer, sechs bis 15 Minuten ohne jede Aktivität in einem ruhigen, schmucklosen Raum zu sitzen. Er bot an: „Wenn Ihnen das zu unangenehm ist, können Sie sich mit diesem Gerät Elektroschocks verabreichen.“ Die meisten Probanden lehnten das ab und bezweifelten die geistige Gesundheit des Versuchsleiters. Danach saßen sie allein in der Stille. Was schätzen Sie?

Wie viele haben sich selbst Elektroschocks verabreicht, nur um die Stille nicht aushalten zu müssen? Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen. Eine Testperson verabreichte sich sogar 190 Elektroschocks. Der Ärmste hat sich alle fünf Sekunden geschockt. Der Schock war ihm lieber als die Stille. Wie verrückt ist das denn?

Wir müssen die Kunst des Nicht-Tuns wieder erlernen.

Allein diese Aussage erzeugt bei den meisten Menschen sofort Ängste und Widerstände. Wie soll das denn gehen – einfach nichts tun? Da stürze ich ja ab! Es gibt doch noch so viel zu tun! Und Nichtstun ist ja auch eigensüchtig.

Moment: Ich sprach von Nicht-Tun und nicht vom Nichts-Tun. Ein einziger Buchstabe – ein riesiger Unterschied. Nicht-Tun ist eine sehr anstrengende Tätigkeit und hat mit Passivität nichts zu tun.

„Wesentlich beim Nicht-Tun ist Bewusstsein und Absicht.“
(Jon Kabat-Zinn: Im Alltag Ruhe finden)

Sich in den Zustand des Nicht-Tuns zu begeben bedarf nicht nur einer Absicht, sondern auch eines sehr hohen Durchhaltevermögens.

Machen wir einen Test:

Setzen sie sich jetzt einfach mal nur hin und nehmen Sie sich vor, nicht zu tun. Sie praktizieren also Nicht-Tun. Nehmen Sie ganz bewusst die Hände weg von allen Kontrollknöpfen, mit denen wir glauben, unser berufliches und privates Leben zu steuern. Finger weg von der PC-Tastatur und dem Smartphone. Einfach nur Nicht-Tun, nur dasitzen.

Sehr wahrscheinlich, dass jetzt Gedanken hochkommen:

• Ich muss XY noch anrufen.
• Das E-Mail muss unbedingt noch raus.
• Oh Mann, ich habe vergessen Kaffee einzukaufen!
• Das ist eine gute Idee, muss ich unbedingt aufschreiben.
• …

All diese Gedanken wahrnehmen, die Impulse körperlich spüren und sich ruhig und liebevoll sagen: Nicht-Tun. Keine Sorge, da kommen viele Gedanken und Impulse, die Sie wieder zur Rastlosigkeit bewegen wollen. Aushalten! Immer wieder entscheiden Sie sich für Nicht-Tun, nur Sein.

So, jetzt tun Sie mal Nicht-Tun.

Ruhe in der Rastlosigkeit

Wie war‘s? Bei fast allen Menschen, mit denen ich diese oder ähnliche Übungen zum ersten Mal mache, kommt das Feedback:

• Das ist ja schrecklich.
• Da kommen Mengen von Gedanken und Impulsen, wo kommen die alle her?
• Unfassbar, dass ich nicht einmal in der Lage bin nur ein paar Sekunden die Füße still zu halten.
• Ich dachte beim Meditieren kommt man zur Ruhe.
• Da wird mir meine Rastlosigkeit so richtig bewusst.

Wie ich bereits sagte: Nicht-Tun ist anstrengend. Es ist eine Tätigkeit im wahrsten und leicht paradoxen Sinne des Wortes.

„Warum sollte ich das machen? Warum soll ich mir das überhaupt antun?“
Berechtigte Fragen. Was bringt es Ihnen?

Wir glauben, ständig aktiv sein zu müssen, denn wir müssen ja etwas bewegen, verändern und bewirken. Das artet bei einigen ganz schön aus, ein gefährlicher Automatismus setzt ein und führt viele an die Grenzen der Belastbarkeit und manche darüber hinaus. Wollen Sie den Burn-Out? Oder sich selbst verlieren?

Ich habe früher bei meinen Management-Trainings immer gesagt: Hektischer Aktionismus ersetzt geistige Windstille. Da haben alle herzhaft gelacht, aber nicht über sich, sondern über ihre Chefs. Die völlig hirnlos ohne wenigstens einmal kurz inne zu halten wie die Taranteln hin und her laufen. Das sind rastlose Komiker, weit weg von Souveränität, geschweige denn Gelassenheit.

Wenn Sie diese einfache, kurze Übung des Nicht-Tuns tagsüber immer mal wieder einlegen, werden Sie sich sehr deutlich Ihrer eigenen Rastlosigkeit bewusst und Ihnen wird klar: Huch, ich bin ja auch so (wenn auch nur ein bisschen), wie die, über die ich lache. Ich laufe manchmal auch völlig hirnlos wie von der Tarantel gestochen hin und her.
Und dann passiert das Paradoxe:

Sie finden Ruhe in der Rastlosigkeit. Was für eine Erleichterung! Was für eine Kraftquelle. Und nicht nur Ruhe und Kraft. Sie entdecken auch sich wieder, Ihre Mitte, Ihre innere Balance.

Durch diese Übung, auch wenn (und gerade weil) sie anstrengend ist, wird uns klar:

  • Wie wir ständig auf die Zukunft fixiert sind.
  • Wie wenig wir wirklich in der Gegenwart sind.
  • Wie unzufrieden wir mit der Gegenwart sind.
  • Wie wir ständig vor dieser Gegenwart weglaufen wollen.
  • Wie wir Ruhe in der Rastlosigkeit finden können.
  • Wie wir vermeiden, uns selbst zu verlieren.

Die Rastlosigkeit bekämpfen bringt nichts. Das würde sie nur noch schlimmer machen. Sie wirklich voll und ganz so wahrzunehmen wie sie ist und erst einmal als gegeben zu akzeptieren, wird sie auflösen. Wie gesagt: Nicht nichts tun, sondern erst einmal: Nicht-Tun.

Machen Sie diese kleine Übung nur maximal eine Minute lang, aber mehrmals täglich. Finden Sie kleine Lücken in Ihrem Tagesablauf:

• Wenn Sie den PC hochfahren
• Beim Schlange stehen, egal wo
• Im Fahrstuhl
• An der Ampel
• Nach/vor jedem Telefonat
• Auf der Toilette
• …

Rastlosigkeit ist eine Bewegung weg vom jetzigen Moment. Die Übung des Nicht-Tuns ist einen Bewegung hin zum augenblicklichen Moment, hin zu hier und jetzt, zu sich selbst. Einer der besten und wertvollsten Achtsamkeits-Übungen, die es gibt. So werden und vor allem bleiben Sie gelassen und souverän.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn!Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Facebook
Facebook
Share on Google+
Google+
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email
Print this page
Print

Kommentare sind derzeit geschlossen.