Ich bin gerne Egoist!

Bei meinem letzten Blog „Du willst frei sein? Bau dir eine Mauer!“ gab es einen Aufschrei unter den Leserinnen und Lesern. Viele schrieben sinngemäß: „Aber ich kann doch kein solcher Egoist sein und mir ständig Freiraum gönnen!“

Ein Egoist ist ein selbstsüchtiger, eigennütziger Mensch. Das Gegenteil ist der Altruist: ein selbstloser, uneigennütziger Mensch. Ich kenne sehr wenige echte Egoisten und kaum einen, der wirklich von sich behaupten kann, ein Altruist zu sein.

Ein Zen-Meister hat mal gesagt (frei nach Rumi):

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort wollen wir uns treffen.“

Wer oft fliegt, hört schon gar nicht mehr hin bei der Sicherheitsdurchsage: „Bei einem plötzlichen Druckabfall in der Kabine fallen automatisch Sauerstoffmasken von der Decke…“

Und dann, wie geht es weiter? Helfen Sie dem Nachbarn, den eigenen Kindern, älteren Menschen? Nein! Sie werden zuerst sich selbst die Maske aufsetzen. Alle Airlines der Welt und der gesunde Menschenverstand bitten Sie inständig darum. Zuerst Sie selber? Wie egoistisch ist das denn! Ein Altruist, also ein selbstloser, uneigennütziger Mensch, würde doch erst mal alle anderen retten wollen. Dummerweise bliebe es beim guten Willen, denn er würde sehr schnell bewusstlos und dadurch unfähig, anderen zu helfen. Dann hilft er den anderen nicht und erleidet selber auch noch dabei Schaden: doppelter Schaden entsteht. Ende der Polemik.

Anfang des gesunden Menschenverstandes: Extreme sind extrem. Weder Egoismus noch Altruismus sind in Reinform gesund oder auch nur gesellschaftlich nützlich. Wenn Sie also uneigennützig anderen Menschen nützen wollen, sollten Sie zumindest so eigennützig sein, dass Sie auch in der Lage bleiben, dies nachhaltig und aus immer vollen Kräften zu tun.

Wenn Sie für Ihren Partner, Ihre Kinder, Ihre Kunden, Ihre Kollegen, Ihren Chef, … da sein wollen, dann ist es Ihre oberste Pflicht, gut auf sich selbst zu achten. Anders formuliert: Sie haben Pflichten ganz selbstverständlich gegenüber anderen Menschen – aber auch und ebenso selbstverständlich gegenüber sich selbst. Nur so können Sie für andere nützlich sein.

Tun Sie es nicht, brennen Sie aus, werden krank oder werden eine Belastung für andere. Als Coach kenne ich leider viele, die sich aufopfern, im Extremfall deshalb ausbrennen und im Burn-out landen. Das ist leider der Lohn des Total(schaden)-Altruisten.

Mein systemischer Ausbilder, Dr. Gunther Schmidt, hat mal zu mir gesagt: „Matthias, wenn es bei einem deiner Seminare irgendjemand besser geht als dir, dann ist was falsch.“

Diese, zugegeben etwas provokante Formulierung hat mich motiviert, besser auf mich zu achten. Es geht nicht darum, ob Sie ein Egoist oder ein Altruist sind. Es geht nicht um richtig oder falsch. Es ist nicht falsch, selber auf sich zu achten. Und es es nicht richtig, immer nur an andere zu denken à la „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt!“ Denn das macht er nicht lange – ohne körperlich und seelisch Schaden zu nehmen. Wer sich aufopfert ist ein Opfer.

Es kommt vielmehr wie immer im Leben auf die Balance an: Sich als vernünftiger Egoist so gut wie nötig um sich selbst zu kümmern, um sich als sozial denkender Altruist so viel wie möglich um andere kümmern zu können. Natürlich finden wir diesen Balancepunkt umso schneller, leichter und korrekter, je achtsamer wir die Anforderungen, die von außen an uns herangetragen werden, gegen unsere ureigenen inneren Anforderungen abwägen können. Aber das wussten Sie bereits.

Seien Sie ein gesunder Egoist, um ein nützlicher Altruist zu sein.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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