Hört auf zu predigen!

Neulich fragte mich meine jüngste Tochter, ob es nicht irgend so einen Spruch, eine Lebensweisheit gäbe, die mein Leben beeinflusst hat. Na ja, einen Spruch nicht gerade, aber eine Begebenheit.

Ich fuhr mit der S-Bahn heim von einem Konfliktmanagement-Seminar. Ich stieg im Hauptbahnhof ein und setzte mich ans Fenster. Mir gegenüber setzte sich ein Mann, der sich gleich so abwandte, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Ich hatte ihn aber schon vorher kurz mit seinen zwei Kindern gesehen. Als die S-Bahn losfuhr tobten die Kinder lautstark im Zug herum. Da die anderen Mitfahrenden nicht gesehen hatten, zu wem die Kinder gehörten, sah ich die verstörten und suchenden Blicke. Ok, sagte ich mir, dass geht dich nichts an. Misch dich nicht ein. Als aber dann die Kinder in der Gepäckablage herumkrabbelten und allen inklusive mir gehörig auf die Nerven gingen, platze ich raus: „Können Sie nicht endlich mal Ihre Kinder zur Räson bringen, das ist ja unmöglich …“ Der Mann rief sofort seine Kinder, sie gehorchten aufs Wort, ich schaute in seine tiefroten leeren Augen und er sagte stotternd: „Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich möchte nicht darüber reden, aber wir kommen gerade vom Krankenhaus, die Mutter ist gestorben, das ist ihre Art … “ und er wandte sein Gesicht ab.

Innerhalb einer Sekunde wandelte sich meine Einstellung von Aggression in tiefes Mitgefühl. Nie wieder habe ich eine so schnelle Veränderung meiner Einstellung zu einem anderen Menschen erlebt.

Ein Jahr später, in meiner ersten Coaching-Ausbildung, die stark auf der Transaktionsanalyse (TA) basierte, lernte ich den Begriff „Bezugsrahmen“ kennen. Kurz definiert: Ein Bezugsrahmen erfasst die Art, wie wir uns selbst in der Welt und an der Welt organisieren (mehr: einfach googeln „Bezugsrahmen TA“) .

Eines der wesentlichen Coaching-Gesetze lautet:

  • Jede wesentliche Veränderung des Verhaltens eines Menschen ist gleichzeitig auch eine Veränderung des Bezugsrahmens.
  • Wenn ein Coach (noch) nicht erfolgreich ist, besagt das: Die Bezugsrahmenänderung hat (noch) nicht stattgefunden.

Mein Erlebnis war eine äußerst radikale Bezugsrahmenänderung von „Die Kinder sind außer Kontrolle!“ zu „Die Kinder bewältigen gerade ein Trauma“. Damals wäre ich noch nicht auf die Idee gekommen, den Vater zu fragen, wieso er gar nicht mitbekommt, dass seine Kinder so randalieren. Aber der Effekt bei dieser Begebenheit war so heftig, fast eine Erleuchtung, dass ich mir schwor, das niemals zu vergessen. Ich möchte immer daran denken, wenn ich mal wieder auf einen Menschen sauer bin, aggressiv werde oder jemanden verurteile. Ich möchte, dass ich mir genau dann über seinen Bezugsrahmen klar werde. Und daraus ergibt sich dann tatsächlich der von meiner Tochter gewünschte Spruch:

Erst verstehen, dann verstanden werden.

Wenn wir alle erst einmal herausfinden wollten, was den anderen dazu bringt, so zu sein wie er ist, wenn uns das wirklich interessiert, bevor wir unseren Bezugsrahmen, unsere Sicht der Welt dem anderen aufdoktrinieren – wieviel friedlicher wäre dann die Welt. Und wieviel zufriedener wären wir – und die anderen mit uns.

Fragezeichen

Seitdem hängt ein einfaches Bild über meinem Schreibtisch; ein Rahmen und darin ein großes Fragezeichen. Damit ich achtsam bleibe und immer erst hinterfrage, bevor ich jemandem erkläre, wie die Welt wirklich ist.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

Hatten Sie ähnliche Erlebnisse? Email

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? Teilen Sie ihn!Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Facebook
Facebook
Share on Google+
Google+
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email
Print this page
Print

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.