Hör mir doch endlich zu!

Kürzlich in der Presse gelesen: In immer mehr US-Firmen – vorneweg Kodak, Dell, Comcast – wird ein „Chief Listening Officer (CLO)“ eingestellt, der im Firmenauftrag zuhört, was Kunden zu sagen haben.

CLO

Ich habe zweimal lesen müssen und dann habe ich noch aufs Datum geschaut. Nein, die meinen das ernst, kein Witz und auch kein Aprilscherz.

Die stellen Leute ein, die hauptberuflich zuhören? Wie abgefahren ist das denn! Aber es kommt ja von Amerika. Wenn jetzt noch einer behauptet, das wäre wissenschaftlich getestet, dann wäre es dringend notwendig, dass wir da alle und sofort mitmachen.

Doch bevor wir alle mitmachen, denken wir ein Stück weiter: Was macht denn der CLO mit dem, was er gehört hat? Wie will er das denn den anderen Chiefs mitteilen, die ja nachgewiesenermaßen nicht zuhören können (sonst hätte man ihn nicht eingestellt)? Die reden ja nur und produzieren sich, haben keinen Kontakt zur Basis, zu den Kunden schon gar nicht mehr, sollen aber dann dem beauftragten Chef-Zuhörer zuhören? Jetzt wird’s lächerlich.

Aber sehen wir das Positive darin: Es gibt Firmen, die erkannt haben, dass besonders ihre Häuptlinge nicht mehr zuhören können oder wollen oder beides. Diese Erkenntnis ist viel wert.

Das Drama mit dem Nicht-Zuhören-Können sehen wir auch in den vielen Talkshows, die täglich im Fernsehen zu bewundern sind.

Da wird gar nicht auf die Frage des Moderators gehört, sondern die vorher zurechtgelegte Antwort abgespult. Da wird dem anderen ins Wort gefallen. Es werden Monologe über die jeweilige Position geführt. Und da man sowieso weiß, dass eigentlich eh keiner zuhört, wird man auch gerne lauter, in der Hoffnung, der andere würde dann (zu)hören. Das ist kein Gespräch. Das ist Krieg mit anderen Mitteln.

Das Thema Zuhören ist nicht nur in Amerika, auf der Vorstandsebene oder im Fernsehen akut, nein ist ganz nah und immer präsent, bei jedem. Wir reden viel. Aber wir hören einfach nicht zu. Und wir wissen das alle eigentlich. Wir nehmen es uns auch vor, uns zu bessern. Und dann ertappen wir uns wieder beim Quasseln und Zutexten. Warum? Eigentlich ganz einfach:

Wir können anderen nicht mehr zuhören, weil wir uns selbst nicht zuhören wollen.

Oder wie Schulz von Thun so schön reimt:

„Willst du ein guter Kommunikator sein,
dann schau´ auch in dich selbst hinein.“

Jetzt wird’s unangenehm. Vorsicht beim Weiterlesen. Es braucht Achtsamkeit und eine Menge Mut, in sich selbst hineinzuschauen oder besser gesagt zu hören. Denn, wie sagte schon Goethe:

„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“

Wie, nur zwei? Eine ganze Fußballmannschaft und alle haben was zu sagen. Wenn Sie das mal aufmerksam wahrnehmen, was da für ein Gequassel an inneren Stimmen stattfindet:

• Der braucht gar nicht ausreden, den erschlage ich gleich mit Argumenten.
• Oh nein, das läuft in die falsche Richtung, da komme ich ganz schlecht weg.
• Ich kapier nicht, was sie da sagt, aber besser nicht outen und nachfragen.
• …

Wer hat schon den Mut, die Kraft und die Energie, diese Stimmen wirklich wahrzunehmen? Verständlich, dass es einfacher ist, Monologe zu halten. Naja, vielleicht ist das doch nicht so blöd, was die amerikanischen Firmen da machen. Vielleicht sollten wir bei uns im Kopf auch so einen CLO einstellen. Zu dem inneren Team, den vielen Seelen in der Brust, die da hemmungslos rumquasseln, mal einen Zuhörer einstellen. Voraussetzung dafür wäre: Wir kommen wie die Amis zu der Erkenntnis, dass es manchmal ganz nützlich sein kann, anderen zuzuhören.

Diese Erkenntnis haben Sie bereits errungen? Meinen Glückwunsch. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist: Sobald und sofern wir es dank täglicher Übung schaffen, unseren inneren Stimmen achtsam, ohne zu urteilen und vor allem ohne reflexhaft loszuquasseln zuzuhören, sind wir auch in der Lage, anderen Menschen zuzuhören. Hören Sie?

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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