Glaub deinem Kopf kein Wort!

Nach einem stressimmun-Vortrag kam es zu einer interessanten Diskussion über Achtsamkeit. Dabei zitierte ein Zuhörer aus dem Buch „Die Macht der Gegenwart“ von E. Tolle:

„Was immer der gegenwärtige Moment enthält, nimm es an, als hättest du es selber so gewählt.“

Die Frage, die sich dem Zuhörer stellte: „Das Prinzip dahinter ist mir schon klar: Akzeptanz der Gegenwart. Aber wie kann ich zum Beispiel Ärger oder Stress gewählt haben wollen? Wie funktioniert vor allem der Gedanke dazu: ‚Ich habe das gewählt, weil …?‘ Etwa, weil ich auch aus Ärger etwas lernen kann?“

Besonders bemerkenswert an dieser Frage ist, wie der Verstand oder besser gesagt seine vorherrschende Konditionierung zuschlägt: „Ich habe das gewählt, weil… “ Der Verstand möchte reflexhaft, automatisch und unbewusst einen Grund wissen, warum und weshalb er gewählt haben soll, was er gewählt hat. Das steht aber nicht in dem Zitat. Das hat Tolle nicht gesagt und bestimmt nicht gemeint.

Kopf_gefangen

Es steht nichts in dem Zitat, dass man diesen Moment aus einem bestimmten Grund hätte wählen sollen. Wenn wir über etwas nachdenken, das wir gewählt haben, liegt natürlich der Gedanke nahe, über den Grund zu dieser Wahl nachzudenken. Aber wem liegt dieser Gedanke nahe? Selbstverständlich: unserem Verstand. Der ist viele Stunden des Tages sehr nützlich, weil er beim Geldverdienen und Einkaufen hilft.

Leider haben Gedanken und achtsame Akzeptanz des jetzigen Augenblicks wenig miteinander zu tun. Genau genommen behindert das eine das andere. Exakt solche Gedanken sind ja das Problem, das Hindernis schlechthin, das sich uns entgegenstellt, wenn wir im gegenwärtigen Moment wirklich verweilen möchten. Wir sagen uns damit: „Ich kann und werde nur dann in diesem Augenblick verweilen, wenn du mir sagen kannst, warum du ihn gewählt haben könntest!“ Das klingt nicht nach Achtsamkeit, sondern nach Erpresssung.

Es sind genau diese Gedanken, die der Verstand produziert, indem er jeden Moment bewertet nach: gut – schlecht, mag ich – mag ich nicht, festhalten – loswerden oder eben auch: Was ist der Grund dafür, dass ich das gewählt habe? Diese Gedanken sind es, die uns hindern, den Moment zu (er)leben.

Diese Gedanken erschaffen erst das Leiden, dem wir zu entfliehen suchen. Sie machen uns unglücklich – nicht das „Unglück“, das uns trifft. Sondern „das Unglück“, dem wir die achtsame Aufmerksamkeit verweigern, indem wir uns Gedanken darüber machen wie: „Warum soll ich das jetzt gewählt haben?“

Was ist, ist. Hier und jetzt.
Die Dinge haben keine Bedeutung an sich.
Nur wir geben den Dingen eine Bedeutung

– und genau das sollten wir in jenen Augenblicken achtsam registrieren, die wir voll und ganz erleben wollen.

Mir ist bewusst: Das ist eine Kampfansage an unseren Verstand: „Denk nicht drüber nach! Glaube nicht deinen eigenen Bedeutungszuschreibungen (Konnotationen)! Wähle und genieße ohne Grund! Deine Wahl ist Grund genug!“ Gegen diese Art des Lebens wehrt sich unser in eine ganz andere Richtung konditionierter Verstand die ersten Male massiv. Diese Gegenwehr in die Gedanken hinein erscheint uns ganz „normal“. Doch damit erlauben wir dem gegenwärtigen Moment nicht, zu sein wie er nun mal ganz offensichtlich ist – und leiden deshalb. Und schreiben dieses Leiden dem Augenblick zu, nicht unserer Zuschreibung.

Wir zwingen den lebendigen Augenblick sozusagen unter die Knute unserer Konditionierung: „Du darfst nur so sein wie du jetzt gerade sowieso schon bist, wenn du mir einen triftigen Grund sagst, warum ich dich gewählt haben soll. Aber zackig!“ Das ist nicht achtsam, das ist keine Akzeptanz, das ist Erpressung des Universums und schlicht ein irriger Gedanke, den man uns früher beigebracht hat: „Alles hat einen Grund!“ Ja, schon, in der Welt der Bolzen und Münzen. Aber doch nicht in der Welt des inneren Einklangs und der nachhaltigen Zufriedenheit mit uns und der Welt.

Es läuft immer aufs selbe hinaus: Mit solchen prima facie „logischen“ Gedanken wehren wir uns schlicht gegen die Realität, anstatt sie erst einmal anzunehmen wie sie nun mal ist: „Der Boss (Partner, Beamte, Verkehrsteilnehmer, Spross …) hat mich eben einen inkompetenten Volltrottel genannt. Das ist so. Ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt. Das ist so. Ich merke, dass ich mir die Wut gedanklich verbieten möchte. Auch das ist da. Und das alles akzeptiere ich, denn ich habe mir das erwählt.“ Ganz schnell: Was war Ihre erste Reaktion auf diese Gedanken? Erstaunlich viele Leute sagen: „Erleichterung! Wie verrückt ist das denn?“

Nicht verrückt, sondern erfüllend: So wird Präsenz gemacht. Und ein anderer Gedanke drängt sich förmlich auf:

Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Momente

– wie der Verstand uns glauben machen möchte (weil er so erzogen wurde). Es gibt nur Momente. Sie sind erfüllend, wenn wir sie ganz erleben wollen und irgendwann auch können. Und sie sind stressig, ärgerlich, … wie auch immer, wenn wir uns gegen bestimmte Aspekte dieser Augenblicke wehren – und sei es auch „nur“ gegen unsere Gefühle in diesen Augenblicken. Der Widerstand ist das Problem, nicht der Moment. Was tun mit diesen inneren Widerständen?

Dasselbe, was Sie immer tun können: Sie können selbst zu diesen Widerständen des Verstandes gegen die Realität sagen, so wie es E. Tolle vorschlägt:  „… nimm es an, als hättest du es selber so gewählt“. Oder wie der Schwabe sagt „So hosch welle“. Das fällt vielen leicht: „Ja natürlich habe ich meine Widerstände selbst gewählt! Sonst hätte ich ja keine Widerstände!“ Unsere Absicht bei dieser Anerkennung der Widerstände ist es, den gegenwärtigen Moment zu unserem Freund anstatt zum Feind zu machen: Wählen statt ablehnen macht Freunde. Das ist die Anfängerversion.

Sie können auch gleich zur fortgeschrittenen Version kommen und die Widerstände nicht wählen, sondern in ihrer ganzen Tiefe wahrnehmen. Nicht wegschauen sondern hinein fühlen: Spüren Sie, wie sich alles (oder etwas) in Ihnen gegen die jetzige Situation, den jetzigen Moment sträubt. Ihre verengte Atmung, Ihre Verspannungen, was auch immer da ist und ganz sicher „unangenehm“ ist. Nehmen Sie Ihre Gedanken und entsprechenden Gefühle und Körperwahrnehmungen wahr und an: „Ich will hier weg, ich halte das nicht aus, das ist so ungerecht, …“ Das ist um einiges schwerer als die Tolle-Version. Doch das ist der Weg der Achtsamkeit. Das ist der Weg in die Freiheit. Das ist der Weg zu Souveränität und Gelassenheit.

Gehen Sie ihn, jeder Schritt lohnt sich.

 

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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