Arme Experten

Im Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.

<Shunryu Suzuki>

Wenn ich früher als junger Chef einen neuen Mitarbeiter angestellt habe, erlebte ich meine ersten Begegnungen mit ihm ganz automatisch und unbewusst im Modus „Anfänger-Geist“: Wie würde er wohl sein? Ich war jung, unerfahren, ich hatte wenig Ahnung. Und das war gut so. Denn durch diesen Anfängergeist habe ich mich für den Menschen interessiert, ich wollte ihn kennen lernen: Was interessiert ihn, was sind seine Vorlieben, was sind seine Abneigungen? Es versteht sich von selbst, dass sich durch diese meine Neugier des Anfängergeistes von der ersten Begegnung an eine starke Beziehung entwickelte – mit all ihren Konsequenzen: Starke Beziehung – starke Leistung. Mit den Jahren wurde ich jedoch zum Experten. Kaum erblickte ich den Lebenslauf eines Kandidaten, wusste ich schon, was er will und wie er tickt. Das gab mir Sicherheit: Der Expertengeist grenzte das Feld unendlicher Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Entwicklung auf nur noch wenige ein. Ich kann mir vorstellen, wie das auf Mitarbeitende wirkt: Niemand von uns mag es, von „Experten“ in Schubladen gesteckt zu werden. Das schränkt uns ein; unsere Motivation, unser Commitment, unsere Leistung – und im Endeffekt damit rückwirkend den Experten, der sich keinen Gefallen damit tut, Möglichkeiten gegen trügerische Sicherheiten einzutauschen.

Experte gefangen

Und nun betrachten wir unsere Beziehungen und Ehen. Ein frisch verliebtes Paar beispielsweise möchte zum Abendessen ausgehen. Sie sagt: „Du, wollen wir mal essen gehen?“ „Ja gerne, auf was hast du Lust?“ „Weiß noch nicht, auf was hast du denn Lust?“ „Ach lass uns einfach mal losgehen und was ausprobieren.“ Das ist Anfängergeist: viele Möglichkeiten offen. Wir spüren förmlich, wieviel Energie und Harmonie dahinter steckt: Das wird ein lebhafter, unvergesslicher Abend. Vielleicht stellt sich das schließlich ausgewählte Restaurant nicht als Treffer heraus – aber der Abend wird damit umso mehr zum unvergesslichen gemeinsamen Erlebnis: „Weißt du noch wie wir damals in dieser Kaschemme gelandet sind?“ – „Aber hallo! Das war ein Abenteuer!“ So werden Goldene Hochzeiten gemacht. Oder auch nicht.

Denn zwei Jahre später: „Du Schatz, wollen wir mal wieder Essen gehen?“ „Aber nicht schon wieder zu deinem Griechen!“ „Auf deinen Italiener habe ich aber auch keinen Bock.“ „Bleiben wir halt daheim. Daheim schmeckt es doch am besten.“ Das ist Expertengeist: wenige Möglichkeiten. Gewiss: Keiner der beiden weiß, was er oder sie da tut. Aber: Wir wissen nach zwei Jahren Beziehung (spätestens), wie der Andere tickt. Also rutschen wir ganz automatisch in den Expertengeist rein – und denken oft noch, das sei was Gutes. Dass weder sie noch er wirklich damit zufrieden ist, heute Abend zu Hause zu bleiben, merken beide recht wohl. Aber leider meist nicht, woran das liegen mag.

Dabei ist die Sache recht einfach: Nutze bewusst, was bislang unbewusst abläuft. Wir haben jedes Mal die Wahl, wie wir Menschen und auch Situationen, Vorfällen, Unfällen, Glücksmomenten und den alltäglichen Alltagskatastrophen begegnen: in der Haltung des Anfängergeistes oder des Expertengeistes. Wenn wir nur achtsam genug sind, tappen wir selbst als Experten nicht spontan in die Expertengeistfalle. Wenn wir achtsam sind, können wir uns auch als Experten sagen: „In dieser konkreten Situation wähle ich den Anfängergeist.“ Und sofort erfüllt uns eine angenehme und nützliche Art der inneren Leere. Da ist nichts, was uns einschränkt oder limitiert. Keine (Vor)Kenntnisse und dadurch auch keine (Vor)Urteile. Ich denke eben nicht: „Ah, ein Ingenieur – also ein trockener Zahlenmensch!“ – und der Kandidat fühlt sich von mir ins Korsett gesteckt, weil ich nicht über sein eingestreutes Bonmot lächle.

Ich sage auch nicht: „Nicht schon wieder zum Griechen!“ – und verärgere damit meine Partnerin. Ich bewahre mir achtsam den Anfängergeist und sage mir: „Wart doch erst mal, was sie vorschlägt!“ Und wenn es tatsächlich wieder „Der Grieche“ ist, könnte ich doch auch mal vorschlagen, dass wir gemeinsam in den Gelben Seiten blättern? Viele Möglichkeiten machen gute Ehen.

Auf diese Art und Weise, geleitet durch den achtsam und bewusst gewählten Anfängergeist, entsteht in uns die Bereitschaft, etwas Neues zuzulassen, neue Erfahrungen zu machen und offen für andere Möglichkeiten zu sein. Vor allem: Offen für unser Gegenüber zu sein, ihn oder sie nicht in eine Schublade zu stecken: „Du immer mit deinem Griechen!“ Das killt jede Beziehung auf Dauer. Aber wie gesagt: Diese Beziehungs-, Leistungs- und Eherettung funktioniert nur aus einer Haltung der Achtsamkeit heraus. Nur wenn wir präsent, gelassen und souverän sind – also stressimmun – können wir den Anfängergeist rufen, wann immer wir ihn brauchen, ohne ganz automatisch in den Expertengeist zu rutschen.

Dummerweise haben wir alle im Laufe der Jahre Erfahrungen gemacht, die uns zu vermeintlichen Experten machen. Jetzt wissen wir wie der Haase läuft, wie der Mitarbeiter tickt, was der Partner für Vorlieben und Abneigungen hat. Jetzt macht uns keiner mehr was vor. Das ist in vielen Situationen sehr nützlich: Es gibt Sicherheit. In anderen Situationen ist es das Dümmste, was man tun kann. Der Andere braucht zum Beispiel den Satz schon gar nicht zu Ende sprechen, da wissen wir bereits, was er sagen will, wir unterbrechen ihn – und er oder sie reagiert sauer. Wir überfliegen ein Email und wissen genau, was damit „eigentlich“ gemeint ist. Meist ist diese schöne Täuschung der Auftakt zum Regelfall der Kommunikation: Missverständnis, Ärger, Konflikt. Die meisten Konflikte entstehen nicht, weil wir als „Experten“ wissen, was der andere meint, sondern weil wir nur meinen zu wissen, was er meint. Wie schade.

Es gäbe so viel mehr zu erfahren und zu erleben, wenn wir uns nur wieder auf unseren Anfängergeist einlassen könnten. Erstmal, und sei es nur für kurze Zeit, um den Experten über Bord zu werfen und uns wieder leer zu machen. Dem Mitarbeiter wieder zuzuhören, als hätten wir ihn gerade eingestellt, dem Partner wieder unvoreingenommen wie beim ersten verliebten Mal zu begegnen. Dadurch machen wir uns offen nicht nur für neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse, sondern vor allem dafür, wie der Mitarbeiter, der Partner und die Welt wirklich ist. Dadurch erschließen sich viel mehr Möglichkeiten und vor allem viel mehr Harmonie als aus der allseits gepriesenen Engstirnigkeit des Experten.

Es lohnt, sich wieder auf diesen Anfänger-Geist zu besinnen und mit dieser Haltung allen Menschen und Dingen zu begegnen. Dann sind wir auch zu uns selbst wahrhaftig, dann fühlen wir mit unseren Mitmenschen, dann leben wir ein wahrhaft achtsames Leben im Hier und Jetzt.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

Was sind Ihre „Anfänger“ Erfahrungen? Schreiben Sie mir Email.

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